„Das darf man ja nicht sagen…“

Weil es mir gestern wieder begegnete, eine Erinnerung:

Wir leben in einem Land, nach dessen Gesetzen – im Gegensatz zu vielen anderen Ländern auf dieser Welt – zum Glück jede_r so gut wie alles sagen kann, ohne um Leib und Leben fürchten zu müssen (und das auch schon inzwischen sehr lange).

Die Frage ist – wie bei jeglichem Handeln – ob man etwas tun oder sagen will und ob man bereit ist, den Preis dafür in Kauf zu nehmen. Und genau das sollte man die „Das darf (durfte?) man ja nicht sagen“-Sager immer fragen: „Was würde passieren, wenn Du das sagst?“

Ich bin mir sicher, dass die Antwort fast immer so etwas wie „Verlust von Ansehen innerhalb der Gesellschaft“, „kein Amt mehr“, „Arbeitsplatzverlust“ etc. wäre.

Exakt das ist der Preis, den jeder in dieser Gesellschaft zahlt, der sich gegen allgemeine Konventionen entscheidet.

Ich war in Bayern z.B. quasi geächtet, weil ich trotz Kind unbedingt arbeiten wollte (mein Kind eine Zeit lang quasi auch, das machte es besonders hässlich).
In der damaligen DDR war der Preis für das Aussprechen dessen, was mir wichtig war, trotz unermüdlichem Wissensdrang und sehr guten Zeugnisnoten nicht studieren zu dürfen bzw. mich erst durch „Bewährung im Arbeitsalltag“ dafür qualifizieren zu müssen.
Beides hat mein Leben geprägt, aber nicht beendet oder freud- und perspektivlos gemacht.

Wenn also jetzt das Gefühl besteht, Dinge „endlich sagen zu dürfen“, ohne gesellschaftlichen Widerspruch oder Privilegienverlust zu ernten, bedeutet das schlicht und einfach, dass sich ein (theoretisch) durch Humanismus und Aufklärung geprägtes Wertegefüge verschoben hat – zumindest in der „Bildungsbürger-Mittelschicht“, in der ich aufgewachsen bin und sozialisiert wurde.

Wenn also die, die sich aus Feigheit und Angst vor Privilegienverlust unter diesen traumhaften Bedingungen (Meinungsfreiheit ist gesetzlich vor staatlichen Repressionen geschützt), bislang nicht trauten, ihre ehrliche Meinung zu äußern, ist das beileibe kein gesellschaftlicher Fortschritt, wenn sie das jetzt tun.

Mehr Haltung, bitte – nicht durch Worte wie „Neutralität“, „Meinungsfreiheit“, „Demokratie“, „Toleranz“ etc. einschüchtern lassen – genau diese Werte sind gerade gefährdet, durch (unser) zumeist liberal gemeintes Verhalten.

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