Babys in Parlamenten

Auf den ersten Blick ist das ganz einfach:

es wurde ein Kind geboren und danach nimmt man sich Zeit, um gemeinsam mit dem Kind in die neue Situation hineinzuwachsen und im Regelfall passiert das in Deutschland zu Hause und privat.
Irgendwann ist das Kind dann nicht mehr neu geboren und die Eltern entscheiden, wie es weiter geht: Betreuung durch die Eltern oder Betreuung durch andere Personen, privat organisiert oder in einer der möglichen Einrichtungen. (Die Sache mit der Praxis und den fehlenden passenden Plätzen in Einrichtungen, dem Zweifeln und Verzweifeln und den vielen Kompromissen lasse ich jetzt einfach mal weg.)

Wenn die Mutter (in dem Fall geht es tatsächlich um die gebärende Mutter) während der Schwangerschaft in einem Angestelltenverhältnis beschäftigt (oder verbeamtet) war, ist das auch hier ganz einfach: es gibt dafür Gesetze mit Fristen für Freistellung während der Elternzeit; man kann im Idealfall im Konsens Vereinbarungen mit dem Arbeitgeber treffen; es wird geregelt, wie die Arbeitsaufgaben in dieser Zeit erledigt werden.
Wenn die Familie sich für Fremdbetreuung entschieden hat, gehen die Eltern nach der vereinbarten Elternzeit wieder an ihren Arbeitsplatz, finden sich in die Situation ein und nehmen ihre Aufgaben wieder wahr. Ist das Kind erkrankt, gibt es ebenfalls Regeln und Gesetze bzw. wurstelt man sich im Idealfall in Absprache mit dem Arbeitgeber durch und alles ist am Ende in Ordnung.

Es gibt Abweichungen, für die es auf den ersten Blick keine einfachen Lösungen gibt. Öffentliche Mandate sind so eine Abweichung. Oder selbständige Erwerbstätigkeit oder noch ganz andere Situationen, die ich gerade nicht im Blick habe.

Aus der Perspektive der selbständigen Erwerbstätigkeit war das so:

„Oh, ich bin endlich doch schwanger, was für ein Glück, wunderbar!“ Danach kamen die logischen Überlegungen, wie was gehändelt werden kann. Auf dem Papier alles gut zu machen.

Dann kam das Kind ca. vier Wochen vor dem errechneten Termin, praktischerweise an einem Sonntag. Am Freitag zuvor holte ich noch Tonband-Kassetten von einem Auftraggeber (verzwicktes Projekt: komische Formate, die nur durch verschiedene Tricks wiedergegeben und ausgewertet werden konnten und Spezialexpertise erforderten), am Wochenende erledigte ich Finanzamtskram und erstellte die Gehaltsabrechnungen für inzwischen eingestellte Mitarbeiterinnen.
Am Montag machte mich das Krankhaus verrückt und am Dienstag durfte ich auf eigenen Wunsch mit Kind nach Hause. Ich saß gerade auf dem Sofa mit dem Neugeborenen im Arm, da klingelte im Büro das Telefon und ich sprach mit dem Auftraggeber, der so gar nicht gemerkt hat, dass da inzwischen das Kind geboren war.

Klar veränderte ich meine Arbeitsweise: arbeitete nur noch vom Heimbüro aus, nahm nur noch Aufträge an, die zeitunabhängig bearbeitet werden konnten, arbeitete viel am späten Nachmittag und nachts, wenn der Vater das Kind betreute.
Für einige Prozesse war es trotzdem erforderlich, in die Öffentlichkeit zu gehen – Übergabe von Unterlagen, kurze Absprachen und Meetings. Da kam das Kind mit, von Anfang an. Und es war überhaupt kein Problem: das Neugeborene war zufrieden, weil es bei mir sein konnte (das reichte dem in den ersten Wochen/Monaten völlig aus), und ich konnte konzentriert arbeiten, weil das Neugeborene bei mir war und ich nicht ständig daran denken musste, wie es ihm wohl geht, wenn ich weg bin (gegen Hormone hilft keine Sachlichkeit).

Es war eine ganz einfache Lösung: das Neugeborene kommt mit.

Alle hatten gewonnen: die Auftraggeber waren froh, dass alles angepasst weiter lief (und freuten sich meist, das Kind zu sehen), das Neugeborene schlief meist im Tragetuch oder schaute von dort aus durch die Gegend, und ich konnte die Dinge tun, die für meinen Verantwortungsbereich getan werden mussten.

Als das Neugeborene nicht mehr neu war, schleppte ich es selbstverständlich nicht mehr überall mit hin. Manchmal war es trotzdem erforderlich (Ausfall der Betreuungsperson, besondere Anhänglichkeit o.ä.) Und auch das war kein Problem – da krabbelte eben mal kurz ein Baby unter dem Tisch und spielte mit den Dingen aus seinem Koffer.

Keiner wäre auf die Idee gekommen, mich am Arbeiten zu hindern – außer fremde Menschen von außen, die sowieso immer alle besser wissen, was für konkret das eine Kind jetzt gerade gut wäre.

Aus Sicht einer Mandatsträgerin ist das sicher ähnlich: man organisiert den Alltag um und ab und an gibt es Situationen, in denen es nichts zu organisieren gibt, sondern einfach logisch gehandelt werden muss. Eine Stimmabgabe in einem Parlament, die ohne persönliche Anwesenheit nicht möglich ist, gehört da auf jeden Fall dazu: „Ich will einfach meine Arbeit machen“
Warum es nicht möglich sein soll, einfach die Arbeit zu machen, erschließt sich mir nicht.

Solange die reine Gebärfähigkeit ein Risiko für die Ausübung eines öffentlichen Mandats oder die Übernahme von Verantwortung ist, wird das nichts mit der realen Gleichstellung.

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